Die Geschichte der Junkers-Flugzeugwerke

Die Geschichte der Flugzeugwerke von Prof. Hugo Junkers gliedert sich in fünf wesentliche Abschnitte: Erstens in die Forschungszeit an der TH Aachen, wo wesentliche Patente erarbeitet und grundsätzliche Windkanaluntersuchungen stattfanden. Zweitens in die Zeit des 1. Weltkrieges, wo Hugo Junkers in die lukrative Rüstungsproduktion (Feldküchen) einstieg und sein erstes Flugzeug, das Jagdflugzeug Junkers J.1, ablieferte. Drittens in die Zeit des schnellen Aufbaus des Flugzeugwerkes bis zum Ende des Krieges 1918 mit dem holprigen Übergang zu einer zivilen Produktion ab 1919 mit dem Junkers-Verkehrsflugzeug F-13. Viertens in die anschließende Entwicklung zum modernsten Flugzeug-Werk der Welt Anfang der 1920er Jahre mit solchen Flugzeugen wie W33, G24, G31, G38 und schließlich Ju 52. Der letzte Abschnitt von 1933 bis 1945 schließlich hat mit Hugo Junkers eigentlich nichts mehr zu tun, denn die Junkerswerke werden kurzerhand zu einem allein der Aufrüstung dienenden Konzern mit bestellten Managern umgebaut. Dieser Abschnitt beginnt mit dem Bomber Ju 86. In schneller Aufeinanderfolge entstehen weitere Kriegsflugzeuge wie Ju 87, Ju 88, Ju 89. In einer zweiten, technisch höher stehenden, Phase kommen die Ju 288 und Ju 287 ab 1940 hinzu. An diese fünf Abschnitte schließt sich, historisch korrekt betrachtet, noch ein sechster Abschnitt an, nämlich die Einbindung der Junkerswerke in die sowjetische Rüstung in den Jahren von 1945 bis 1953. Entstanden sind da die Strahlbomber Ju EF-131 und EF-150 sowie die Triebwerke Jumo 012 und 012B, Jumo 022 (Triebwerk "M") und das "K"-Triebwerk NK-12.


Junkerswerke in Dessau 1925

Junkerswerke in Dessau 1925

Hugo Junkers erwarb während des 1. Weltkrieges ein Firmengelände an der Bahnlinie nach Köthen, um das Schlachtflugzeug J.4 dort in Serie zu bauen. Mit Unterstützung des Kriegsministeriums entstanden schnell weitere neue Hallen. 1926 kam noch der Neubau des Junkers-Motorenwerkes "Jumo GmbH" hinzu. Das Bild zeigt die Junkers Flugzeugwerke AG (IFA) um 1925.


Die IFA und die Jumo 1927

Junkerswerke 1927

Nach der Gründung des Junkers-Motorenwerkes "Jumo GmbH" 1926 entstand unmittelbar rechts neben der IFA AG ein Konstruktionsgebäude, eine Motorenwerkstatt und offene Motorenprüfstände.


Der Aufstieg zum Junkers-Großkonzern

3. Februar 1859
Hugo Junkers in Rheydt geboren

1888
Assistent bei Oechselhäuser (Continental-Gas-Gesellschaft), Forschungsarbeiten am Gasmotor-Kalorimeter.

1895
Gründung der Firma "Junkers & Co." in Dessau. Produktion von Gasbadeöfen (Durchlauferhitzer) und Wärmemengenmeßgeräte (Kalorimeter).

1897
Lehrstuhl für Wärmelehre an der TW Aachen. Versuchsanstalt in Aachen und Forschungsarbeiten zum Gasmotor.

1907
Patent auf Verbrennungsmotor nach Gegenkolbenprinzip (DRP 220 124). Widerspruch der Fachleute und Ablehnung. Motor setzt sich trotz vieler Schwierigkeiten durch (besonders im Schiffbau).

1910
Vorarbeiten auf flugtechnischem Gebiet, strömungstechnische Untersuchungen im ersten Windkanal in Aachen. Patent auf den "Nurflügler" (DRP 255 788) und Ablehnung duch Fachwelt. Vorarbeiten für den Flügelbau in der Dessauer Badeofenfabrik.

1914
Umstellung des Werkes auf Feldküchen und Schrapnellhülsen.

1915
"Forschungsanstalt Prof. Junkers" in Dessau gegründet. Revolutionäres Versuchsflugzeug J.1 als geschweißte Stahlkonstruktion in Vollschalenbauweise. Von der "Fachwelt" mit "Blechesel" tituliert.

1916
Serienbau des gepanzertes Infanterieflugzeuges J.4 für die Luftwaffe. Übergang bei J.3 auf Wellblech aus Dural, dem späteren Markenzeichen aller Junkersflugzeuge bis zur Ju 52.

1917
Vereinigung von Junkers mit Fokker zur "IFA" = Junkers-Fokkerwerke AG. Belegschaft 2.000 Mann. Bis Kriegsende 227 Flugzeuge J.4 geliefert.

1919
Entwicklung der zivilen Junkers F-13, dem ersten Verkehrsflugzeug der Welt. Dural-Wellblech-Beplankung auf Duralrohr-Fachwerk, Tiefdecker, beheizte und gepolsterte Kabine für sechs Passagiere.

1921
Vollständiges Flugzeugbauverbot für Deutschland. Verschrottung des ersten Großflugzeuges Junkers JG-1. Belegschaft der IFA sinkt von 700 auf 200 Mann. Aushilfsfabrikation - Schränke, Koffer, Schlittschuhe, Eßbestecke, Lüster usw. Gründung der Junkers-Luftverkehrsgesellschaft zur Absatzförderung der Junkers-Flugzeuge.

1922
Aufhebung des Bauverbotes für "Friedensflugzeuge", die beschränkt werden auf 600 kg Startgewicht und maximale Flughöhen von 4.000 Meter.

1923
Gründung der Jumo GmBH und Umstellung von Schwermotoren auf Flugzeugmotoren.

1925/26
Gründung der Deutschen Luft Hansa aus der Zusammenlegung des "Junkers-Luftverkehr" und dem "Aero-Lloyd". Große Exporterfolge von Junkers-Flugzeugen nach Persien, Brasilien, Argentinien, Bolivien, Südafrika und Afghanistan. Am Weltluftverkehr stellt Junkers 40 Prozent aller Flugzeuge.

1923   G24/3m
1926   Ju 33 - Ju 34 - G 31
1928   G 38 - Annäherung an das Nurflügelflugzeug
1931   Ju 52/3m
1932   Ju 49 - Höhenflugzeug mit Druckkabine; Ju 60 - Einziehfahrwerk

1929
Erster Flug-Diesel der Welt "F 04" (später Jumo 204) auf Internationaler Luftfahrtausstellung in Berlin gezeigt.

1933
Hitler bekommt in Deutschland von Hindenburg die Macht ausgehändigt. Enteignung von Hugo Junkers. Verstaatlichung der Junkers Flugzeugwerke AG und der Jumo GmBH. Bestellung des Thyssen-Managers Dr. Heinrich Koppenberg zum Vorstandsvorsitzenden des neuen Konzerns. Im Oktober Baubeginn des neuen IFA-Werkes auf dem Flugfeld des Junkers-Altwerkes. Beginn des ABC-Programms, d.h., der nach kriegswirtschaftlichen Gesichtspunkten begründeten Bauweise mit dezentralisierter und luftschutzsicherer Fertigung.

1934
Nach nur 10 Monaten Bauzeit Übergabe des neuen Junkerswerkes IFA zur Produktion neuer Flugzeugtypen. Schnellflugeuge Ju 160 und Ju 86.

3. Februar 1935
Prof. Hugo Junkers stirbt an seinem 76. Geburtstag in München-Gauting.

1936
Im Juli Vereinignug der IFA und der Jumo zur "JFM", der Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG. Damit ist die Umwandlung in den staatlichen Rüstungskonzern juristisch abgeschlossen. Großproduktion von Ju 52, W33, Ju 160 und Ju 86.

1940
Neues Motorenentwicklungswerk "Otto-Mader-Werk" ensteht gegenüber dem Jumo-Werk mit Konstruktions- und Verwaltungsgebäude, Werkhallen, Forschungseinrichtungen und Motoren-Prüfständen.

1940-45
Ausbau der Startbahn von 1.000 m auf 2.150 m bis Kriegsende durch Zwangsarbeiter.

1941
Erste Versuchsläufe des Strahltriebwerkes Jumo 004. Erstflug des nach modernsten Gesichtspunkten konstruierten Bombers Ju 288 mit Hochleistungstriebwerken Jumo 222.

1944
Erstflug des ersten Pfeilflügelflugzeuges der Welt, der Ju 287, mit vier Strahltriebwerken Jumo 004B.

14. April 1945
Besetzung Dessaus und der Junkerswerke durch amerikanische Einheiten.

5. Juli 1945
Beginn der sowjetischen Besetzung Dessaus. Die Junkerswerke produzieren nun Waren des täglichen Bedarfs vor allem aus Leichtmetall.

September 1945
Gründung der sowjetischen Konstruktionsbüros OKB-1 (IFA/Brunolf Baade) und OKB-2 (Jumo/Dr. Alfred Scheibe) und Umwandlung der JFM AG in die sowjetisch geführte Aktiengesellschaft JFM SAG. Rekonstruktion und Neuproduktion des Jumo 012, der EF-126 mit Jumo-Rohr, der EF-131 mit zwei Drillingen Jumo 004B. Projektierung der EF-132 mit sechs Jumo 012.

22. Oktober 1946
Verlegung des Junkerswerkes in die Sowjetunion. Weiterarbeit an bislang weitgehend unbekannten Flugzeugen und Motoren. Bei den Flugzeugtypen handelte es sich ausschließlich um schnellfliegende und sehr hochfliegende Flugzeuge.

5. Juli 1954
Rückkehr der letzten Junkerswerker unter Leitung Brunolf Baades in die DDR.

Bau einer 800 Meter langen Startbahn in Dessau 1928

Bau der800 m langen Startbahn Junkers Dessau

Bis 1928 starteten alle fertigen Flugzeuge auf der trockengelegten Wiese hinter dem Junkers Flugzeugwerk. Für die immer größer und schwerer werdenden Flugzeuge machte sich der Bau einer betonierten Startbahn erforderlich. Die 800 Meter lange und wohl 15 Meter breite Startbahn wurde 1928 gebaut. Ab 1936 bekam das Neuwerk auch eine neue Startbahn, die alte Bahn diente dann nur noch als Ringrollbahn mit Anschluß an die Einflughallen der IFA und der Jumo.


Das ABC-Programm läuft an

Serienanlauf Ju 52 in Dessau

Das sogannte ABC-Programm, das Klaus Junkers vorgeschlagen hatte, besagt, daß eine kriegssichere Flugzeugproduktion an verschiedenen Standorte A, B, C... aufgebaut werden muß, mit einer zusammenfassenden Kopfproduktion, zu der just-in-time ständig alle Bauteile angeliefert werden. Das neue Junkerswerk ist nach dieser Methode gebaut, mit der Hauptproduktion (Endmontage) in Dessau und den verschiedenen Zulieferfirmen kreisförmig in einem durchschnittlichen Abstand von 35 Kilometern von Dessau entfernt (Köthen, Halberstadt, Staßfurt, Bernburg) sowie Hallenabständen von mindestens 200 Metern mit Bäumen und Grünanlagen dazwischen wegen Erschwerung von Luftangriffen. Ab 1938 wurde Dessau nur noch als Entwicklungswerk genutzt (38.000 Beschäftigte, davon 5.000 Ingenieure) und Bernburg als das Kopfwerk ausgebaut.


Das Neuwerk 1935

Junkers Neuwerk 1935 mit zwei Ju 86 der South Africaan Airways

Dieses schöne Propaganda-Foto gaukelt eine friedliche Flugzeugproduktion vor: Zwei fertige Ju 86 für Südafrika stehen auf dem Vorfeld der Endmontagehalle 201 (Halle ist nicht sichtbar). Im Hintergrund das Konstruktions- und Verwaltungsgebäude der JFM und ein Kühlturm des betriebseigenen Kraftwerks (Selbstversorgung im Kriegsfall).


Dieses Luftbild des Neuwerkes zeigt die Großzügigkeit des Bauvorhabens entlang der Kühnauer Straße und den Ausbaustand von 1935. Vorn am Flugfeld die drei großen Endmontagehallen 201, 203 und 204 sowie die Lackhalle 202 in Nähe der alten Startbahn. Links hinter den großen Hallen die Hallen der Teileproduktion und der Baugruppenmontage (Hallen 205 und 209). Links am Bildrand ist das u-förmige Konstruktionsgebäude zu sehen mit dem Verwaltungsgebäude als Kopfbau. Links davon (nicht mehr auf dem Bild sichtbar) beginnt der Sozialtrakt mit der berühmten Junkers-Lehrschau, den Speisesälen und Parkflächen.


Junkers Prüfstände Jumo 211

 Auch der Motorenbau in Dessau wurde beim Ausbau nicht vergessen. Moderne Motorenprüfstände und neue Fertigungshallen erweiterten das Produktionsfeld der Jumo. Auf dem Bild werden Jumo-211-Einspritzmotoren von den Prüfläufen geholt und zur Demontage gebracht.


Otto-Mader-Werk

Verwaltung Otto-Mader-Werk Dessau 1940

Das Otto-Mader-Werk ist ab 1940 das zentrale Entwicklungswerk für Flugmotoren bei Junkers. Es entstand ab 1938 auf dem Feld gegenüber dem alten Junkerswerk. Das Bild zeigt das Hauptverwaltungsgebäude des Otto-Mader-Werkes am 17. September 1940. Hier saßen Prof. Otto Mader, Dr. August Lichte (Jumo 213), Ferdinand Brandner (Jumo 222) und Anselm Franz (Jumo 004) mit ihren Konstruktionsabteilungen sowie weitere eigenständige Entwicklungsabteilungen wie z.B. Festigkeit und Schwingungen (Dr. Bielitz).


Die JFM-Hauptverwaltung

JFM-Verwaltungsgebäude um 1936

Das sechsstöckige Hauptverwaltungsgebäude des Junkerskonzerns in Dessau beherbergte die gesamte Konzernleitung (außer ab 1940 die Jumo-Leitung, die im Otto-Mader-Verwaltungsgebäude saß) mit Dr. Heinrich Koppenberg als Generaldirektor an der Spitze (ab 1941 Dr. Leo Rothe), Entwicklungschef Prof. Heinrich Hertel, dem Technischen Direktor Richard Thiedemann und weiteren Personen der ersten Leitungsebene. Untergebracht waren außerdem das Personalbüro, ein Büro des RLM, eine ganze Etage Propaganda-Abteilung, eine Druckerei, die Aktenregistratur und am Eingang ein gesonderter großer Beratungsraum, der auch als Treffpunkt für die Presse bei der Vorstellung neuer Flugzeuge genutzt wurde. Organisch verbunden mit derm Verwaltungsbau war das Konstruktionsgebäude (geleitet von Direktor und Chefkonstrukteur Ernst Zindel), das aber zwei Stockwerke niedriger gebaut war. Das Kobü ging dann in das Gebäude des Windkanals (Chef: Philipp von Doepp) über.


Ernst Zindel Junkers-Kobü 1940 anläßlich 10 Jahre Ju 52

Ernst Zindel war von 1927 bis 1945 bei Junkers Chefkonstrukteur. Ihm unterstand die komplette Entwicklung und Neukonstruktion. Seine beiden wichtigsten Mitarbeiter waren Fritz Freundel (hinten links) für die Konstruktion Musterbau Flügel, Leitwerk und Steuerung, sowie Johannes Haseloff (hinten Mitte) für die Konstruktion Musterbau Rumpf, Führerraum und Nutzraum.

Mit der Installation eines Entwicklungschefs seit 1935 (Prof. Wagner, Prof. Hertel) gab es allerdings Kompetenzüberschneidungen. Letztlich bildete sich aber unter Prof. Hertel so etwas wie eine eigenständige Entwicklungsabteilung heraus (Ju 288, Ju 287), während Direktor Zindel die "normale" Konstruktion leitete. Das Foto ist übrigens zum 10-jährigen Jubiläum des Erstfluges der Ju 52 mit den federführenden Ju-52-Konstrukteuren 1940 in der JFM aufgenommen worden.


JFM Junkerswerk Dessau FSD Luftangriff August 1944

Am 16. August 1944 bombardierten amerikanische B-17-Verbände das riesige Junkersgelände in Dessau. Die vielen Bombentreffer zeigten wenig Wirkung an den Gebäuden, weil diese alle auf einer Stahlskelettbauweise fußten, die aus der Luft unzerstörbar war. Wenn die Bomben allerdings in den Montagehallen explodierten, waren die darin befindlichen Flugzeuge natürlich Schrott. Für die Ausbesserung der Schäden gab es Reparaturtrupps, die größtenteils aus Zwangsarbeitern bestanden. Trotz der geringen Wirkung der Bomben und vorhandener Bunker verlegte die Werksleitung die Konstrukteure in dezentrale kleinere Büros außerhalb Dessaus, weil verbrannte Zeichnungen nicht so einfach zu ersetzen waren und desweiteren die Arbeitsmoral litt.


Junkers-Gelände in Dessau 1990 Luftbild

Das ehemalige Junkers-Gelände in Dessau im Luftbild von 1990. Die meisten Werksanlagen, Hallen und Gebäude sind 1947 gesprengt worden. Verschont blieben nur die Verwaltungsgebäude, da sie auch anderweitig genutzt werden konnten, nämlich zu friedlichen Zwecken. Von 1947 bis 1953 war eine sowjetische Fliegereinheit am Flugplatz stationiert. In der Zeit wurde die Ringrollbahn geschlossen und die Startbahn saniert. 1953 begann ganz kurz der Neubau von Flugzeughallen, um das Junkerswerk für den DDR-Flugzeugbau zu nutzen, der dann aber in Dresden-Klotzsche neu aufgebaut wurde. Danach übernahm die NVA das Gelände bis 1990. Nach dem wirtschaftlichen Ausverkauf ab 1990 siecht das Gebiet vor sich hin. Einziger Lichtblick ist das Junkers Museum, das sich neben den Resten des Niedergeschwindigkeits-Windkanals in einer in den 1950er Jahren erbauten schönen Halle befindet.

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